Litauisches Volksmärchen
Zeichnungen von Schülern des Eduardas-Balsys- Kunstgymnasiums.
Leiterin: Lehrerin des Eduardas-Balsys-Kunstgymnasiums, Graphikerin Emilija Pumputiené.
©Verlag-Druckerei von S. Jokuzys. 2002
Einstmals, in uralten Zeiten, lebten ein Greis und eine Greisin. Sie hatten zwölf Söhne und drei Töchter, von denen die jüngste Eglé hieß. An einem Sommerabend gingen alle drei Schwestern baden. Genug geplanscht und gewaschen, stiegen sie an das Ufer, um sich anzukleiden. Die Jüngste schaut - in den Ärmel ihres Hemdes hat sich eine Natter hineingeschlängelt. Die Älteste griff zu einem Pfahl und wollte schon die Schlange vertreiben, Inzwischen wandte sich die Natter der jüngsten Schwester zu und sprach mit Menschenstimme: "Gib mir, liebe Eglé, das Wort, daß du mich heiratest, dann krieche ich freiwillig heraus!
Eglé brach in Tränen aus: Wie kann sie eine Natter heiraten! Dann sagte sie zornig: "Gib mir mein Hemd wieder und verschwinde dort, woher du gekommen bist". Die Natter gab jedoch nicht nach: "Gib mir das Wort, daß du mich heiratest, dann krieche ich selbst heraus". Da blieb Eglé nichts anderes übrig und sie versprach, die Natter zu heiraten.
Nach drei Tagen sahen die Eltern die ganze Schar Nattern auf ihren Hof kriechen. Alle erschraken, und um das Haus wimmelte es nur so von den Nattern: Sie kletterten herum, ringelten und wanden sich. Die Brautwerber schlichen gleich ins Haus, um mit den Alten und Eglé zu reden. Zunächst schüttelten sich die Eltern und wollten der Heirat nicht zustimmen, aber was kann man mit einem solchen Natterngewimmel machen! Unwillig gaben sie die Jüngste, ihre Lieblingstochter, weg. Die Nattern bekamen ihre Braut und lallten sofort aus dem Hof hinaus.
Die Familie hatte nun Eglé zu beweinen und zu beklagen. Währenddessen zog Eglé mit all ihren Begleitern an den Strand. Dort wartete ein schöner Jüngling auf sie. Er sagte, er sei dieselbe Natter, die in ihren Hemdärmel hineingekrochen war. Gleich siedelten sie auf eine unweit gelegene Insel um und begaben sich von dort aus unter den Meeresgrund, wo das prachtvoll geschmückte Schloß der Nattern stand. Dort feierten sie die Hochzeit-tranken, tanzten und brausten drei Wochen lang. Das Schloß der Nattern war voll mit allen erdenklichen Schätzen, und Eglé beruhigte sich, wurde fröhlicher und vergaß letztlich ihre Heimat.
Es vergingen neun Jahre. Eglé bekam drei Söhne - Azuolas, Uosis und Berzas - sowie die Tochter Drebulé, die Jüngste von den Kindern. Eines Tages fragte der älteste Sohn beim Herumtoben:
"Mütterchen, wo leben denn deine Eltern? Gehen wir mal sie besuchen". Dann erinnerte sich Eglé wieder an ihre Eltern, Brüder, Schwestern und die ganze Verwandschaft. So machte sie sich Sorgen darum, wie es ihnen dort in der Ferne geht, ob sie gesund sind, ob sie noch leben oder schon längst verstorben sind. Also wollte sie sich in der Heimat umschauen und klagte bei ihrem Mann: "So viele Jahre bin ich nicht in meiner Heimat gewesen, habe meine Familie so lange nicht gesehen und leide unter schrecklichem Heimweh".
Der Natterkönig wollte sie nicht weglassen.
"Gut", sagte er, "einen Besuch erlaube ich dir, aber du mußt erstmal diesen Seidenbüschel verspinnen", und zeigte ihr das Spinnrad. Die Natterkönigin beschäftigte sich eifrig am Spinnrad, so daß es sich surrend einige Tage lang drehte. Der Seidenbüschel blieb aber so groß, wie er vorher war.
Eglé erkannte die Schwindelei: Der Seidenbüschel war wahrscheinlich verhext, so daß man ihn nie fertig spinnen konnte. Eglé ging zu einer Greisin, die Hexe und Zauberin war, und seufzte: "Mütterchen Herzchen, erzähl mir, wie ich diesen Seidenbündel verspinnen kann".
Die Alte sagte, was zu tun sei: "Wirf den Seidenbüschel ins Feuer, wenn der Ofen angeheizt ist, sonst wirst du es nie fertig spinnen".
Eglé heizte den Ofen zum Brotbacken an und warf den Seidenbüschel hinein. Die Seide versprühte sich augenblicklich, und Eglé sah eine Kröte sich auf dem Feuer ringeln, wie ein guter Bleuel groß: Beim Spinnen ließ diese Kröte Seide aus sich heraus.
Auf diese Art und Weise hat Egle die Seide fertig gesponnen. Sie bat ihren Mann wieder um Erlaubnis, mindestens ein paar Tage bei den Eltern verweilen zu dürfen. Jetzt holte der Natterkönig Eisenschuhe, die unter der Bank lagen, und sagte:
"Wenn du sie abgenutzt hast, dann kannst du dich auf den Weg machen".
Sie zog die Eisenschuhe an, schritt und trat heftig, rieb gegen Ziegeln und Steine, wo sie nur konnte, aber die Schuhe waren dick, hart und scheuerten sich nicht ab. Schonend oder nicht schonend getragen reichen sie für das ganze Leben aus. Sie ging wieder zur alten Hexe und bat um Rat. Die Alte belehrte sie folgenderweise:
"Bringe diese Schuhe zu einem Schmied und bitte ihn, daß er die Schuhe im Schmiedeherd gut rösten lässt".
Eglé folgte dem Rat. Die Eisenschuhe brannten gut an, und Eglé nutzte sie nach drei Tagen ab. Dann bat sie wieder ihren Mann um Erlaubnis für einen Besuch bei den Eltern.
Gut', sagte der Natterkönig, 'aber vorher mußt du einen Kuchen als Mitbringsel backen. Was schenkst du den Kindern von Brüdern und Verwandten?"
Der Natterkönig ließ aber jegliches Geschirr verstecken, damit Eglé den Kuchen nicht backen kann. Egle überlegte lange, konnte sich aber nicht ausdenken, wie man Wasser ohne Eimer holt und Teig ohne Schüssel rührt. So schlich sie wieder zur Greisin. Die alte Zauberin sagte:
"Nimm Sauerteig, der vom Brotbacken übrig bleibt, und beschmiere damit das Sieb, dann schöpfe Wasser mit dem Sieb und rühre den Teig für den Kuchen".
Die Natterkönigin folgte dem Rat: Sie beschmierte das Sieb mit Sauerteig, holte Wasser, rührte den Teig und backte den Kuchen. Dann verabschiedete sie sich von ihrem Mann und begab sich mit den Kindern auf die Heimatreise.
Der Ehemann begleitete sie, brachte sie an den Meeresstrand und befahl ihr, in der Heimat nicht länger als neun Tage zu verweilen und nach dem Besuch schleunigst mit den Kindern nach Hause zu kommen.
"Bei der Rückkehr", sagte er, "geh allein mit den Kindern, und wenn du an den Meeresstrand gelangst, rufe mich:
„Zilvine, Zilvineli! Wenn du lebst, möge sich der Milchschaum zeigen, Wenn du tot bist, möge sich der Blutschaum zeigen".
"Und wenn", fuhr er fort, "du im Meer den Milchschaum herbeischwimmen siehst, dann weißt du, daß ich noch lebe. Wenn du aber den Blutschaum siehst, hat mein Leben ein jähes Ende gefunden. Ihr, Kinder, dürft niemandem verraten, wie ich zu rufen sei".
AIs Eglé in ihre Heimat kam, erhob sich dort unbeschreiblicher Frohsinn: Die ganze Verwandschaft, alle Stammeseigenen und Nachbarn versammelten sich, um sie zu sehen. Alle überschütteten sie mit Fragen, wie es sich dort mit Nattern lebt, ob es schön, ob es lustig mit ihnen sei, und konnten über ihre Erzählungen gar nicht genug staunen. Von allen wurde sie bewirtet und liebevoll angesprochen.
Neun Tage waren schneller vorbei, als Eglé es merken konnte. Inzwischen grübelten ihre Brüder, Schwestern und Eltern darüber nach, was man anstellen könnte, damit Eglé nicht mehr zurück muß. So wurden sie sich einig, daß man am besten von den Kindern herausfinden sollte, wie ihre Mutter bei der Rückkehr ihren Mann ruft. Danach sollte man an den Strand gehen, den Natterkönig rufen und töten. So abgesprochen, lockten sie zuerst den ältesten Sohn Azuolas in den Wald, umkreisten ihn und fragten ihn aus. Jedoch täuschte er vor, er wisse von nichts. Sie prügelten ihn mit Ruten, versuchten alles, konnten aber kein Wort herausquetschen. Dann ließen die Onkels ihn los und drohten ihm, nichts davon der Mutter zu erzählen. Am zweiten Tag holten sie Uosis, danach Berzas, aber auch von denen konnten sie nichts herausprügeln.
Schließlich lockten sie die jüngste Tochter Drebule hinaus. Zunächst beharrte auch die Jüngste darauf, nichts zu wissen, aber als sie sie die Ruten unter dem Rock hinausziehen sah, plauderte sie sofort alles aus.
Dann holten alle zwölf Brüder Sensen und zogen an den Strand. Sie stellten sich an das Meeresufer und riefen:
„Zilvine, Zilvineli! Wenn du lebst, möge sich der Milchschaum zeigen, Wenn du tot bist, möge sich der Blutschaum zeigen".
Als der Natterkönig angeschwommen kam, stürzten sich die Männer auf ihn und stachen ihn zu Tode. Nach der Heimkehr sagten sie Eglé kein Wort darüber, was sie getan haben. Nach neun Tagen nahm Eglé Abschied von der ganzen Verwandschaft, ging an den Strand und rief Zilvinas:
"Zilvine, Zilvineli! Wenn du lebst, möge sich der Milchschaum zeigen, Wenn du tot bist, möge sich der Blutschaum zeigen".
Da quoll und schwappte das Meer von dem Boden hinauf, und Eglé sah den Blutschaum über den Wellen herbeiwabbeln. Dann hörte sie die Stimme ihres Mannes aus der Tiefe:
„Deine zwölf Brüder stachen mich mit Sensen zu Tode, meinen Lockruf hat Drebulé, unsere Lieblingstochter, verraten!"
Egle wurde vom Trauer ergriffen, brach in Tränen aus, wandte sich zu Drebulé und sagte:
"Du wirst dich in eine Zitterpappel verwandeln, Tag und Nacht wirst du zittern und beben, Der Regen wird deinen Mund waschen, Der Wind wird dein Haar kämmen!"
Zu den Söhnen sagte sie:
"Stellt euch, Söhnchen, als kräftige Bäume hin, Ich, eure Mutter, werde als Tanne stehen".
So ist es auch alles geschehen, wie sie sagte. Nun sind Eiche, Esche und Birke unsere kräftigsten Bäume, und die Zitterpappel schaudert heute noch beim leichtesten Windhauch, weil sie vor ihren Onkeln zitterte und ihren echten Vater und Mutter verriet.
Der Ehemann begleitete sie, brachte sie an den Meeresstrand und befahl ihr, in der Heimat nicht länger als neun Tage zu verweilen und nach dem Besuch schleunigst mit den Kindern nach Hause zu kommen.
"Bei der Rückkehr", sagte er, "geh allein mit den Kindern, und wenn du an den Meeresstrand gelangst, rufe mich:
„Zilvine, Zilvineli! Wenn du lebst, möge sich der Milchschaum zeigen, Wenn du tot bist, möge sich der Blutschaum zeigen".
"Und wenn", fuhr er fort, "du im Meer den Milchschaum herbeischwimmen siehst, dann weißt du, daß ich noch lebe. Wenn du aber den Blutschaum siehst, hat mein Leben ein jähes Ende gefunden. Ihr, Kinder, dürft niemandem verraten, wie ich zu rufen sei".
AIs Eglé in ihre Heimat kam, erhob sich dort unbeschreiblicher Frohsinn: Die ganze Verwandschaft, alle Stammeseigenen und Nachbarn versammelten sich, um sie zu sehen. Alle überschütteten sie mit Fragen, wie es sich dort mit Nattern lebt, ob es schön, ob es lustig mit ihnen sei, und konnten über ihre Erzählungen gar nicht genug staunen. Von allen wurde sie bewirtet und liebevoll angesprochen.
Neun Tage waren schneller vorbei, als Eglé es merken konnte. Inzwischen grübelten ihre Brüder, Schwestern und Eltern darüber nach, was man anstellen könnte, damit Eglé nicht mehr zurück muß. So wurden sie sich einig, daß man am besten von den Kindern herausfinden sollte, wie ihre Mutter bei der Rückkehr ihren Mann ruft. Danach sollte man an den Strand gehen, den Natterkönig rufen und töten. So abgesprochen, lockten sie zuerst den ältesten Sohn Azuolas in den Wald, umkreisten ihn und fragten ihn aus. Jedoch täuschte er vor, er wisse von nichts. Sie prügelten ihn mit Ruten, versuchten alles, konnten aber kein Wort herausquetschen. Dann ließen die Onkels ihn los und drohten ihm, nichts davon der Mutter zu erzählen. Am zweiten Tag holten sie Uosis, danach Berzas, aber auch von denen konnten sie nichts herausprügeln.
Schließlich lockten sie die jüngste Tochter Drebule hinaus. Zunächst beharrte auch die Jüngste darauf, nichts zu wissen, aber als sie sie die Ruten unter dem Rock hinausziehen sah, plauderte sie sofort alles aus.
Dann holten alle zwölf Brüder Sensen und zogen an den Strand. Sie stellten sich an das Meeresufer und riefen:
„Zilvine, Zilvineli! Wenn du lebst, möge sich der Milchschaum zeigen, Wenn du tot bist, möge sich der Blutschaum zeigen".
Als der Natterkönig angeschwommen kam, stürzten sich die Männer auf ihn und stachen ihn zu Tode. Nach der Heimkehr sagten sie Eglé kein Wort darüber, was sie getan haben. Nach neun Tagen nahm Eglé Abschied von der ganzen Verwandschaft, ging an den Strand und rief Zilvinas:
"Zilvine, Zilvineli! Wenn du lebst, möge sich der Milchschaum zeigen, Wenn du tot bist, möge sich der Blutschaum zeigen".
Da quoll und schwappte das Meer von dem Boden hinauf, und Eglé sah den Blutschaum über den Wellen herbeiwabbeln. Dann hörte sie die Stimme ihres Mannes aus der Tiefe:
„Deine zwölf Brüder stachen mich mit Sensen zu Tode, meinen Lockruf hat Drebulé, unsere Lieblingstochter, verraten!"
Egle wurde vom Trauer ergriffen, brach in Tränen aus, wandte sich zu Drebulé und sagte:
"Du wirst dich in eine Zitterpappel verwandeln, Tag und Nacht wirst du zittern und beben, Der Regen wird deinen Mund waschen, Der Wind wird dein Haar kämmen!"
Zu den Söhnen sagte sie:
"Stellt euch, Söhnchen, als kräftige Bäume hin, Ich, eure Mutter, werde als Tanne stehen".
So ist es auch alles geschehen, wie sie sagte. Nun sind Eiche, Esche und Birke unsere kräftigsten Bäume, und die Zitterpappel schaudert heute noch beim leichtesten Windhauch, weil sie vor ihren Onkeln zitterte und ihren echten Vater und Mutter verriet.
Die lllustrauonen wurden von Schülern des Eduardas-Balsys-Kunstgymnasiums
gezeichnet:
Asta Vibryté, Asa Steigvilaite, Kristina Kordiukova, Vytautas Andrukeviius, Irma
S6ankus, Neringa Normantaité, Agne Andriukevi?iütE, Coda Jackuté, Agné
Padriezaite.
Leiterin- Lehrerin des Eduardas-Balsys-Kunstgymnasiums, Graphikerin Emilija
Pumputiené.
ISBN 9986-31-076-8
"Eglé, die Natterkönigin" ist eines der geheimnisvollsten und beliebtesten litauischen Volksmärchen. Besonders große Aufmerksamkeit wird seiner Symbolik und Zahlenbedeutung geschenkt. Unzähligen Generationen überliefert, spiegelt das Märchen die Weltanschauung der baltischen Vorfahren wider.



